In der gleichen Woche, als die beiden Mörder verhaftet worden waren (siehe: Geschichten aus unserem Quartier Nr. 1) wurde auch unser Nachbar Marcelo von der Polizei gefangen genommen.
Marcelo kenne ich inzwischen gut, weil er früher in unserem Haus gewohnte hatte. Die Maurer für den Bau unseres Hauses wohnten im bestehenden Nebenhaus gleich nachdem Marcelo ausgezogen war. Die ersten drei Nächte wurde sie stündlich gestört von Leuten die "etwas" kaufen wollten. Wir begriffen dann dass Marcelo ein Dorgenhändler ist.
Weil in Floriano die Drogendealer von der Polizei konsequenter verfolgt werden, "flüchten" viele einfach über die Grenzen des Bundesstaates nach Barão de Grajaú, am liebsten natürlich ins erste Quartier gleich nach der Brücke die Floriano mit Barão verbindet: Unser Quartier "Vereda Grande"!
Die Kosumenten und Wiederverkäufer kommen in ihren Autos und Motorrädern einfach hierher, um die Crack-Steine kaufen. Der Verkehr nachts ist hier an unserer Strasse zuweilen sehr gross.
Marcelo ist am Freitag vor einer Woche in seinem von vielen Polizisten umstellten Haus (zwei Häuser nebenan) wegen Dorgenbesitzes festgenommen worden. Einer der Polizisten ist sogar Mitglieder unserer Gemeinde in Floriano.
Am letzten Mittwoch habe ich ihn im Gefängnis besucht und ihm ein Neues Testament überreicht. Nun hat er ja viel Zeit um darin zu lesen. Ich sagte ihm auch, dass wir bereit seien ihm und seiner Familie zu helfen falls nötig.
Am nächsten Tag kam einer seiner Mitbewohner und bat uns um einen Nahrungsmittelkorb und einige Hygieneutensilien für ihn, die wir gerne spendeten, da der Familie nun der Lebensunterhalt abhanden gekommen ist.
Einige Tage später besuchte ich seine "Frau" gleich nebenan. Sie kommt aus São Paulo (wahrscheinlich ist sie die Verbindungsperson zu den Drogenbossen in der Grossstadt). Sie sagte ihre Familie gehöre zu den Mormonen, deren Gesetzte sie aber nicht mehr befolge. Sie versprach mir, dass sie das Traktat lesen werde, das ich ihr gegeben hatte.
Nun wird gemunkelt, dass Marcelo bald wieder freigelassen wird, weil ihm nur Drogenbesitz nachgewiesen werden konnte und er nicht vorbestraft ist.
Wir glauben, dass Gott das Leben solcher Leute verändern kann und wollen keinen Unterschied machen, denn vor Gott sind wir alle gleich!
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