Sonntag, 9. September 2012

Gleydson 22 gegen Fleury 15

Letzte Woche fragte ich Aparecida, die bei uns 2 mal die Woche morgens beim Haushalt hilft: „Wer übt im Moment die grösste Macht auf die Menschen aus?“ Sie antwortete mir, wie man es vor einem Pastor tut: „Natürlich Gott!“. Schön wäre es wenn die Menschen in Barão, dies zulassen würden.
Doch die grösste Macht übt im Moment die Politik auf die Menschen hier aus. Im Oktober sind Wahlen und alle Gespräche, alle Anlässe, ja das ganze Leben dreht sich bloss um die Wahlen.
Wie so oft in kleinen Städten Brasiliens gibt es bloss zwei Kandidaten. Einer, Fleury (Wahlnummer 15), steht als Nachfolger des aktuellen Gemeindepräsidenten, hier Prefeito genannt, für das alte System.
Gleydson (Wahlnummer 22), ein junger Mann keine dreissig Jahre, steht für eine neue Regierung. Er entstammt der einflussreichsten Familie von Barão, den Rezendes, ist aber gar nicht hier aufgewachsen.
In der Schweiz gehen Gemeindewahlen an einem vorbei, ohne dass man viel davon hört. Hier geht es aber bei den Menschen um sehr viel, wie folgende Beispiele zeigen:

  • Roberto war Koordinator der Unterstufe in der Schule unseres Quartiers. Weil er nun aber in den Gemeinderat für die Opposition (22) einziehen will, wurde er in eine Inlandschule versetzt.
  • Dr. Pedro ist in ganz Barão der beliebteste Arzt, weil er der einzige ist, der sich wirklich um die Einwohner von Barão kümmert. Er war auch der einzige Arzt der im Gesundheitsposten unseres Quartiers jeweils nachmittags behandelte. Weil er aber auch Gleydson (22) unterstützte, wurde er nun in die Nachbarstadt versetzt.
  • Eine junge gläubige Lehrerin eines anderen Quartiers und Mutter eines Säugling sagt, sie hätte keine Freiheit zu stimmen für wen sie wolle. Fleury (15) müsse gewinnen, sonst werde sie höchstwahrscheinlich auch in eine entfernte Schule ins Inland versetzt und müsse dann ihr Säugling während der Woche bei der Grossmutter lassen.
  • In unserem Quartier gibt es seit Monaten kein Wasser mehr. Die Gemeindeverwaltung hat im Januar vom Staat 1,5 Millionen Reais (CHF 700‘000) erhalten, um ein neues grösseres und höheres Wasserreservoir zu bauen. Leider sind die Arbeiten bis heute nicht fertiggestellt worden. Falls nun Gleydson (22) gewinnt und die Bauarbeiten bis zu den Wahlen nicht beendet sind, dann wird die neue Regierung das angefangene Werk wohl kaum beenden, denn die alte Regierung wird schon schauen, dass der Rest des Geldes in den eigenen Hosentaschen verschwindet, bevor sie abtreten muss.

Mit aller Macht und viel Geld versucht Gleydson einen Wechsel herbei zu führen. Dafür hat er 222 Wahlhelfern angestellt, von denen jeder 300 Reais (CHF 150) im Monat verdient und dies während den drei Monaten des Wahlkampfes.
Vom Geld von diesen Wahlhelfern leben deren Familien, so dass er alleine damit einige tausend Stimmen auf sicher hat. Die Frage stellt sich aber, woher denn das Geld kommt, das er diesen Leuten zahlt. Die Kosten für die Wahlen sind so hoch, dass man nur davon ausgehen kann, dass er das Geld als gewählter Gemeindepräsident wieder einholen muss, um seine Schulden bezahlen zu können.
Was hat das mit der Gemeinde in Barão zu tun? Sehr viel! Wir kämpfen darum, dass wir nicht in das politische Gezänk verwickelt werden. Ausserdem findet jedes Wochenende von beiden Seiten Wahlveranstaltungen statt, so dass unsere Gottesdienste sonntags manchmal sehr schlecht besucht sind. Gott sei Dank legen wir den Schwerpunkt auf die Kleingruppen während der Woche, die bisher nicht so unter Teilnehmerschwund leiden. Dort können wir auch die Leute anleiten, wie sie verantwortlich mit dem Wahltrubel umgehen können, ohne ihre Stimme zu verkaufen und somit indirekt die grassierende Korruption zu fördern.
Wir beten, dass die Menschen erkennen, dass Jesus die grössere Macht hat als jeglicher Politiker, seine Versprechen nicht leer sind und er alleine echte Freiheit geben kann.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen