Sonntag, 26. Oktober 2014

Dilma wiedergewählt, das Land aber geteilt

Dass sich in Brasilien nichts wirklich ändern wird, wusste man schon nach dem ersten Wahlgang, als die echte alternative Marina Silva noch in den letzten zwei Tagen vor der Wahl in den Umfragen auf den dritten Platz abrutschte und den zweiten Wahlgang verpasste.
Danach blieb den Wählern bloss noch die Wahl zwischen der Arbeiterpartei von Dilma Rousseff und der Sozialdemokratischen Partei von Aécio Neves, die beiden Parteien, die sich seit Jahrzehnten schon als Regierungspartei und Opposition entgegenstehen und in Vetternwirtschaft versinken.

Nun hat das Volk Dilma Rousseff gewählt, mit einem minimalen Vorsprung von ca. 3 Millionen Stimmen. Eigentlich war es der Nordosten, den Dilma gewählt hat.

Ein geteiltes Land

Viel wichtiger als der Name des zukünftigen Präsidenten ist die Tatsache, dass das Land so geteilt ist wie noch nie. Das arme um seine staatlichen Unterstützungen (Bolsa Família) bangende Volk des Nordostens hat Dilma einen uneinholbaren Vorsprung von 12 Millionen Stimmen gegeben. Dies obwohl noch vor wenigen Wochen ein neuer Korruptionsskandal rund um den Ölkonzern und die regierende Arbeiterpartei aufgedeckt worden ist, dessen Ausmass noch gar nicht bekannt ist. Zudem sind es gerade sie, die am meisten unter dem maroden Gesundheits- und Bildungssystem leiden. In vielen kleinen Inlandstädtchen hätten die allgegenwärtigen Lautsprecherwagen verkündet, dass die Bevölkerung keine Bolsa Familia mehr erhalten würden, wenn die Opposition gewählt würde. Was natürlich eine Lüge war, denn das Bolsa Familie Programm anzutasten, kann sich keine Partei mehr leisten.
Der Süden, Südwesten und Südosten mit den grössten Städten und Industriezentren hat eben so klar die Opposition gewählt. Das drückt das grosse Verlangen nach Veränderung in der gebildeten Mittelschicht aus.
Diese Spaltung wiederspiegelte sich schon in der von Hass geprägten Kampagne seit dem ersten Wahlgang, die in einer regelrechten Schlammschlacht gipfelte und die Gräben noch weiter öffneten.
Die zukünftige Präsidentin wird sich kaum wirklich über ihren Sieg freuen können, denn sie steht vor einem Scherbenhaufen. In ihrer Partei ist sie geschwächt, weil sie die sicher geglaubte Wahl fast noch verloren hätte. Ausserdem bereitet sich ihr grösster Unterstützer und Siegesgarant, der ehemalige Präsident Lula da Silva, bereits auf seine nächste Wiederwahl vor. Gut möglich, dass er nun zum Kritiker der Präsidentin wird.
Ausserdem kann Dilma nicht mit der vollen Unterstützung des wirtschaftlich starken Südens rechnen.
Alle Seiten verlangen nun Einheit. Doch dieses Einheit kann bloss wiederhergestellt werden, wenn das Volk aufhört ihre Hoffnung in irdischen Erlösern und korrupten Parteien zu suchen.

Weitere Infos:
Die einfachen Jahre sind vorbei - NZZ
Eine zweite Chance für Rousseff - NZZ
Hass statt Hoffnung in Brasilien - NZZ
Konzerne geben sich generös -NZZ


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